Stadt im Umbruch der Zeiten - die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts
Die ruhige Entwicklung, welche Fürstenfeld im 19.
Jahrhundert nach den Franzosenkriegen genommen hatte, wurde mit Ausbruch des 1.
Weltkrieges 1914 abrupt unterbrochen. Die patriotische Begeisterung, mit der die
heimischen Soldaten verabschiedet wurden, wich mit zunehmender Kriegsdauer trauriger
Ernüchterung. Eine drastische Verknappung der Lebensmittel, Zwangswirtschaft,
Truppeneinquatierung und dann die schmerzlichen Menschenverluste brachten die geruhsame
Lebensweise der Stadt zum Erliegen.
Der Zusammenbruch der Monarchie 1918 führte zu einer neuen
Länderaufteilung in Europa. Die daraus hervorgehende kleine Republik Österreich betrug
nur mehr ein Sechstel des einstigen Kaiserreiches und wurde gleich mit großen Problemen
konfrontiert. Im Vertrag von Saint Germain 1919 erhielt Österreich das Burgenland
zugesprochen. Ungarische Nationalisten versuchten das zu verhindern und es kam im
Grenzgebiet zu blutigen Zusammenstößen. Erst 1921 kam es durch Anordnung der
interalliierten Militärkommission zur Angliederung des Burgenlandes. In der jungen
Republik musste sich das politische Leben neu ordnen. In Fürstenfeld gab es drei
politische Lager: 1. Die oststeirische Volkspartei, die liberales Gedankengut vertrat und
später in die Großdeutsche Partei überging. 2. Die christlichsoziale Partei, die von
den Tabaksarbeitern ausging und auch einen erheblichen Teil der Bauernschaft erfasste. 3.
Die sozialdemokratische Partei, deren Basis die Eisenbahner und auch die Tabakfabrik war.
In den Zwanzigerjahren wurde in Fürstenfeld viel gebaut, wobei der soziale Wohnbau
("Weixelbergerhof") Vorrang hatte. Mit dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise
1928 wurde das politische Leben radikalisiert, um so mehr als mit den Nationalsozialisten
eine weitere politische Kraft ins Spiel kam. Der Versuch, durch eine autoritäre Führung
das schwankende Staatsschiff auf Kurs zu halten, führte zu den blutigen Unruhen von 1934.
Sie lösten auch in der Oststeiermark Verhaftungen und Schießereien mit den
Nationalsozialisten aus, die im Raume Ilz ihren Höhepunkt erreichten. Trotz dieses
Niedergangs demokratischen Lebens besaß Fürstenfeld in jenen Jahren ein reges
Kulturschaffen, das von den Aufführungen des städtischen Theaters, Musikvereins und
Männergesangsvereins getragen war. Herausragende Künstlerpersönlichkeiten waren der
Maler und Grafiker Karl Mader und Hans Fronius, der Schriftsteller Hermann Pferschy und
der Opernsänger Emmerich Schreiner. Zu erwähnen ist auch die kulturpolitisch engagierte
Wochenzeitschrift "Ostland", die 1927-45 erschien, nach 1938 jedoch von der
nationalsozialistischen Ideologie vereinnahmt worden war.
Nach dem Anschluss an das Deutsche Reich erfolgte eine
Angliederung des Südburgenlandes an die Steiermark, sodass der Kreis Fürstenfeld um die
Bezirke Jennersdorf und Güssing erweitert wurde. Der 2. Weltkrieg drängte Fürstenfeld
in seiner Endphase 1945 erneut die Rolle einer umkämpften Frontstadt auf. Alle
Durchhalteparolen und Abwehrmaßnahmen, die in der Errichtung des Ostwalles
("Reichsschutzstellung") an der Grenze zu Ungarn gipfelte, waren nicht imstande,
die sowjetischen Panzer aufzuhalten. Am 16. April 1945 wurde Fürstenfeld nach schwerem
Beschuss von den sowjetischen Truppen eingenommen. Die Schäden waren groß, unter anderem
wurden die Stadtpfarrkirche, die Kommende und das Rathaus zerstört. Der Wiederaufbau und
die allmähliche Normalisierung des Lebens ging relativ rasch vor sich, wozu die
großzügige Hilfe der Schweizer Stadt Zug wesentlich beitrug. Aber auch die Energie und
der Aufbauwille der Fürstenfelder in allen Bereichen des täglichen Lebens verdienen
besondere Erwähnung. |
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